Rotel RA 1412

Alles rund um das Thema, Technik und Reparatur der alten Schätze

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Broesel02
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Rotel RA 1412

#1

Beitrag von Broesel02 »

Den Weg zu mir hat ein Rotel RA 1412 gefunden. Interessiert hat der mich eigentlich schon ganz lange, weil der wirklich toll aussieht. Das Gerät befindet sich noch in erster Hand, Besitzer und Verstärker sind also schon sehr lange zusammen. Auch der optische Zustand ist sehr gut.
Nun hatte aber der rechte Kanal den Geist aufgegeben. Der Eigentümer hat das Gerät dann aus Aachen zu einem bekannten Reparaturbetrieb in Heidelberg gebracht. Dort hat man ihm gesagt, daß dieses Gerät nicht mehr repariert werden könne. Es würde die Ersatzteile nicht mehr geben.

Ehrlich wäre gewesen dem Kunden zu sagen: Wir haben keine Lust dein Gerät zu reparieren.

Aber der Besitzer wollte den Verstärker nicht dauerhaft auf nur einem Kanal betreiben und hat mich gefragt, ob ich den Verstärker reparieren könne. So kam es, daß ich diesen schönen Verstärker auch mal von innen sehen konnte.

Zuerst habe ich mal an der defekten Endstufe ein wenig gemessen. Zwei der vier Endtreiber waren defekt. Ich habe die Endstufe ausgebaut und noch einen defekten Vortreiber gefunden

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Wie man sehen kann, ist die Endstufe quasikomplementär aufgebaut. Hier die ausgebaute Endstufe:

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Man kann auch gut die vielen Kohle- Masse Widerstände sehen. Diese Widerstandstypen sind nicht meine Freunde, weil sie oft stark driften. In diesem Fall haben sie durch ihr Versagen zu dem Endstufenschaden geführt. Die Widerstände R622 & R623 waren zu hochohmig geworden, statt 330 Ohm hatten die um 450 Ohm. Dadurch werden Q609 und Q610 zu weit ausgesteuert und der Ruhestrom wird viel zu hoch. Der Q609 ist ebenfalls verstorben.
Ich habe alle Kohle-Masse Widerstände gegen Dale CMF 1W Typen ersetzt. Natürlich auf beiden Endstufenplatinen.
Q609 und Q610 habe ich durch KSA1220A/KSC2690A ersetzt. Der passt da sehr gut. Die 4 neuen Endtreiber sind 2N3773G von ON Semi geworden. Dann natürlich noch alle Elkos erneuert.

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Dann habe ich die Netzteilplatinen ausgebaut und auch dort neue Elkos spendiert. Vorsichtshalber auch neue Zenerdioden. Die Netzteilelkos waren leider auch alle nieder. Die sollen 22.000uF haben

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Weil das ja auch wieder schön aussehen soll, habe ich den 382LX333M080B092VS von CDE genommen. 80V und 33.000uF. Gleicher Durchmesser und fast gleich Höhe. Die deutlich höhere Kapazität aber auch zur Folge, daß die Gleichrichterdioden auch gleich zu SIC Dioden mutiert sind. Damit sollte es an der Stelle keine Probleme mit den Dioden geben.

Dann kommt die Platine mit der Klangregelung und dem Vorverstärker an die Reihe

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Hier sind ungünstigerweise jede Menge Tantal- Kondensatoren verbaut, die meistens nach so langer Zeit taub sind. Die sollen also alle ersetzt werden. Und die Elkos auch gleich mit erneuern. Und die Schalter?
Der Besitzer hat - leider - mit irgendeinem Sprühspray versucht, der schleichenden Kontaktpest in den Schaltern Herr zu werden. Bei den Drehschaltern hat das auch gewirkt. In die Kippschalter hinein ist aber nichts von dem Zaubermedium gekommen. Aber die Platine ist noch üppig gefettet. Ich habe das zwar so weit ich konnte abgewischt, aber das Fett wird noch Probleme bereiten. Zum einen wird es ranzig und damit sauer. Das kann man an den grünen Stellen an vielen Schaltern schon sehen. Zum anderen unterwandert das Fett den Kleber, der die Kupferkaschierung auf der Pertinax Platine hält. Und das ist ganz übel!
Also alle Kippschalter herausnehmen, öffnen, reinigen, versiegeln, remontieren. Wie immer

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Dann funktionieren die Schalter wieder problemlos viele Jahre, ohne Grünspan anzusetzen.
Demnächst gehts weiter
Richard
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Piomaha
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Re: Rotel RA 1412

#2

Beitrag von Piomaha »

Hallo Richard, bin sehr gespannt auf den Bericht, mein Schwager hat so ein Teil seit neu im Einsatz, ich denke da wird auch irgendwann was fällig.

Wurde auch noch nie was gemacht... :krank:
Gruß, Martin

Sweet songs never last too long on broken radios... John Prine
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Armin777
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Re: Rotel RA 1412

#3

Beitrag von Armin777 »

Moin Richard, wie immer schöner, gut bebilderter Bericht!
Beste Grüße
Armin von good-old-hifi.de
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Broesel02
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Re: Rotel RA 1412

#4

Beitrag von Broesel02 »

Um an alle Kippschalter zu kommen, damit man sie überholen kann, muß die Vorverstärkerplatine recht weit freigelegt werden

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Nachdem die Vorverstärkerplatine überholt war, habe ich das Gerät wieder zusammengesetzt und unter Strom gesetzt. Da ist doch plötzlich eines der Birnchen für die Beleuchtung der Zappelzeiger ausgefallen. Auch das noch! Wenn jemand das erneuern muß: 6,3V/50mA Pilot Lamp.

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Sonst konnte ich keine Auffälligkeiten feststellen. Zu dem Ruhestrom: Rotel gibt da 30mA an. Das halte ich für einen sehr männlichen Ruhestromwert. Aber ich denke, man kommt mit einem Wert um 18mV aus, das habe ich dann nach 30 Minuten aufwärmen auch eingestellt. Die Einstellung vom Offset ist etwas tricky. Wie man weiter oben im Schaltplan sehen kann, liegt ein Fußpunktelko (C603&C604) in der Gegenkopplung. Mit einem 1,5kOhm Widerstand davor. Das allein würde ja schon für einen sehr geringen Offset reichen. Ein Drehen an dem VR601 führt erst mal dazu, daß der Offset erst mal weit nach oben oder unten driftet und sich dann gaaanz langsam auf den neuen Wert einschleicht. Wenn man nicht wartet bis der Offset sich durch die Zeitkonstante aus dem 470uF mit 1,5kOhm einfindet, dreht man den Offsetregler auf den einen der beiden Anschläge. Also: Nehmt euch Zeit bei der Einstellung der Endstufe, wenn ihr diesen Verstärker mal auf dem Küchentisch habt. Nachdem ich das verstanden habe, ließ sich dann alles problemlos einstellen. Dann einen Testton auf den Eingang und:
Es kommt nix raus. Was ist jetzt wieder los?
Ich habe das Signal verfolgt. Es kommt aus der Vorstufe heraus auf die Platine mit dem Trennschalter für Vor- und Endstufe. Aber ab da ist Stille.

Also habe ich die Platine auch mal freigelegt

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Damit habe ich nicht gerechnet. Ich hatte einen korrodierten Umschalter vermutet.
Also habe ich noch geschwind die Leiterplatte geflickt. Den kleinen Schalter natürlich trotzdem zerlegt und gereinigt

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Bei der Gelegenheit habe ich dann doch die "Tantalisten" aus der Phono- Stufe gewechselt und die wichtigsten Elkos erneuert. Da der Besitzer kein Phono nutzt war das eigentlich nicht vorgesehen. Aber wenn man die Platine schon mal in der Hand hat . . .

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Und jetzt geht alles, wie es soll. Knack- und knister freie Schalter, Beleuchtung, Schutzschaltung - Stop: Schutzschaltung!
Wie ich oben geschrieben habe, ist die Zeitkonstante mit dem RC Glied in der Gegenkopplung sehr groß. Entsprechend lang brauch die Endstufe bis der Offset unter 10mV kommt.
Die Schutzschaltung

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Für die Einschaltverzögerung ist der C708 (1.000uF/16V) mit dem R725/100kOhm, zuständig. Der Kondensator ist bei diesem Verstärker auch bereits erneuert. Aber die Zeit bis zum Einschalten ist trotzdem zu kurz, es liegen noch etwa 30mV an, wenn die Schaltung freigibt. Danach müsste der C708 etwa 1.500uF bekommen oder R725 müsste größer werden, um knackfrei einzuschalten. Das habe ich nicht geändert, dazu kenne ich das Gerät zu wenig.

Da steht er jetzt, bereit für die nächsten Jahre. Solange es noch bedrahtete Bauteile gibt, kann man diesen schönen Verstärker auch reparieren

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Die ersetzten Kleinteile

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Ich hoffe, das Lesen hat Spaß gemacht und wenn ihr einen solchen tollen Verstärker mal bei euch habt, habe ich hoffentlich ein paar nützliche Hinweise gegeben
Richard
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Re: Rotel RA 1412

#5

Beitrag von Kimi »

So ein 1412er in der Küche ist ein ganz klein wenig übertrieben... :lachend:
Spaß beiseite - Danke für den großartigen Bericht. Bitte mehr davon!
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Re: Rotel RA 1412

#6

Beitrag von Sankenpi »

Wie immer großes Kino, Richard - danke!
Beste Grüße, Peter
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Re: Rotel RA 1412

#7

Beitrag von Poetry2me »

Für zukünftige Reparaturen dieses schönen Klassikers habe ich mal den Schaltplan der linken Endstufe analysiert und nachbearbeitet: Stufen farblich markiert, Spannungen gekennzeichnet, erklärende Beschriftungen eingefügt.

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Möge es helfen.

- Johannes
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Re: Rotel RA 1412

#8

Beitrag von Armin777 »

Mal so als Tipp für die Zukunft, Richard: Du kannst die Fotos als Dateianhang auch in den Text einfügen.

Dazu unten unter dem Textfeld "Dateianhänge" anklicken, dann mit dem Button "Durchsuchen" das richtige Foto von Deinem Desktop aussuchen und dann "Datei hinzufügen" anklicken. Wenn das Bild dann hochgeladen ist, kannst Du es an beliebiger Stelle in den Text einfügen.

Dabei ist es gut zu wissen, dass die Fotos auch dann bei dem Text erhalten bleiben, falls der betreffende Bilderhoster den Bach runtergeht, so wie das kürzlich mit "abload" passiert ist.

Im Übrigen sind Deine Reparaturberichte, wie immer interessant und kurzweilig.
Beste Grüße
Armin von good-old-hifi.de
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Re: Rotel RA 1412

#9

Beitrag von Bodi_061 »

Sankenpi hat geschrieben: Samstag 29. März 2025, 01:23 Wie immer großes Kino, Richard - danke!
Dem kann ich mich nur anschließen! :thumbup:

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Gruß Joachim.

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Poetry2me
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Re: Rotel RA 1412

#10

Beitrag von Poetry2me »

Das Offset-Problem, das Richard entdeckt hat, scheint wohl im Original schon so implementiert zu sein. Wenn man das Gerät einschaltet, wird der Offset zwar weg geregelt, aber viel zu langsam. Das liegt unter anderem an der sehr langen Regelzeit, welche sich rechnerisch (näherungsweise) aus der Eckfrequenz der eingestellten Verstärkung berechnen lässt. Die Verstärkung ergibt sich aus der Gegenkopplung R614 (47k) und Fußpunkt R613 (1,5k) mit Kondensator C604 (470µF). Den Shunt Folienkondensator C603 (10nF) ignorieren wir mal.

Ganz grob ergibt sich aus den beiden Bauteilen R612 und C604 die untere Eckfrequenz:

Code: Alles auswählen

        f  =  1 / (1 * Pi * R * C)  =  0,2 Hertz
Das Einschwingen dürfte also in der Größenordnung 5 bis 15 Sekunden liegen und ist damit je nach Alterung/Gleichheit der Eingangstransistoren und anderer beteiligte Komponenten, sowie je nach Einstellung der Offset Justage, etwas zu langsam um einen Knacks beim Durchschalten des Relais zu vermeiden.

- Johannes
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